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 Mittagessen zwischen Preußen und Hannover

In einer Serie führt es den Heimatkundler Heinz Koops mit dem Fahrrad vom Dörper Berg über den
Rothen Berg zur Wasserburg Welbergen.
Heute folgt der vierte Teil.
Von den Haddorfer Seen aus ist es nicht mehr weit bis zum Bollnesch. Es bedarf schon einiger
Anstrengung, um mit dem Rad diesen langsam ansteigenden Hügel zu bezwingen. Doch danach
radele ich in voller Fahrt, fast schwerelos, in Richtung niedersächsischer Landesgrenze.
Der graue, verwitterte Grenzstein in der Nähe des Hofes Schulte-Übbing, in dem die Initialen B für
Bentheim und M für Münster eingemeißelt sind, verrät mir, dass man bei der Grenzziehung im
Jahre 1768 einfach ein Lineal auf der Karte angelegt hatte, um die neue Grenze zwischen dem
damaligen Königreich Hannover und Preußen festzulegen. Diese, auf dem Schreibtisch willkürlich
gezogene Schnade (Grenze) hatte für den Hof Schulte-Übbing ganz alltägliche Folgen. Da die
Grenze mittig durch das Wohnhaus verlief, aß die eine Hälfte der Familie von nun an in Preußen
und die andere im Königreich Hannover. Heute verläuft hier die Grenze zwischen den Gemeinden
Wettringen, Kreis Steinfurt, NRW und Ohne, Grafschaft Bentheim, Niedersachsen. Eine
ausrangierte Eisenbahnbrücke, extra aus der Steiermark herbeigeschafft, markiert ebenfalls den
Grenzverlauf und dient gleichzeitig als Kunstobjekt.
In der direkten Nachbarschaft des Hofes Schulte-Übbing gesellen sich die Jahrhunderte alten Höfe
Hermeling und Korthues. Während die Bäuerin des Hofes Hermeling ihre Gäste im Melkhus, im
idyllisch gelegenen, von lindgrünen Baumkronen überdachten Vorgarten, mit regionalen
Kostbarkeiten bewirtet, wird auf dem Hof nebenan fleißig gewerkelt. Das verfallene Bauernhaus
Korthues-Eilering wird seit dem Jahre 2018 wieder instand gesetzt. Schon über Monate beobachte
ich die akribischen Arbeitsschritte voller Interesse. „Dieses historische Bauernhaus ist ein
ungewöhnliches historisches Dokument. Seine Ursprünge gehen mit einer Datierung um 1470 bis
ins Mittelalter zurück“, so beschreibt Dr. Maschmeier im Auftrag der Weser-Ems-Stiftung dieses
Objekt. Weiter heißt es: „Wir wollen das Haus als einzigartiges Zeugnis von mindestens 550
Jahren Agrargeschichte möglichst unverändert der Nachwelt erhalten.“ Der gegenüberliegende
alte Esch kann gewiss einiges dazu beitragen.
Ich bin erstaunt darüber, dass ich auf meiner Tour noch keine zehn Kilometer zurückgelegt habe,
aber der Tachometer lügt nicht. Ein Katzensprung ist es vom Dörper Berg bis zum Übbing-Esch,
den ich nun voller Elan, entlang blühender Vechte-Wiesen überquere. Links der Vechte, die in Bilk
von der Steinfurter Aa noch einmal kräftig gespeist wurde, grüßen schon die Ohner Kirche und
einige rote Dächer stolzer Bauernhöfe.
Alsbald erreiche ich den neuen Ohner Friedhof, der auf dem hohen Esch, dem Möllenkamp,
eingerichtet wurde. In früheren Zeiten wurden die Verstorbenen auf dem Totenacker, der sich um
die Kirche erstreckte, beigesetzt. Ältere verwitterte Grabsteine, die heute als Fußweg seitlich des
Gotteshauses dienen, geben Auskunft darüber. Da auf dem alten Friedhof viele Beerdigungen in
zu kurzem Abstand stattfanden, die hygienischen Vorschriften nicht eingehalten werden konnten
und kein Platz für eine Erweiterung vorhanden war, sollte ein neuer Friedhof ausgewiesen werden.
Doch dazu bedurfte es einer Genehmigung, und so entstand in den Jahren 1807/1808 ein reger
Schriftverkehr zwischen dem Richter Buch, der die Standpunkte und Interessen der
Kirchengemeinde vertrat und dem Provinzialrat des Arrondissement Steinfurt.
Darin heißt es, dass sich die Kirchengemeinde Ohne samt Bauerschaft, sowie ein Teil der
Bauerschaften Samern und Haddorf (Wettringen) wegen des Standortes des Totenackers nicht
einigen konnten. „Diese Kirchengemeinde wird von der Vechte in zwei Seiten zerschnitten, der
Fluss tritt sehr oft über die Ufer, und der östliche Teil der Einwohner befindet sich öfter wegen der
Leichen in Verlegenheit, da die Hauptstraße bei hohem Wasser und Eisgang nicht passiert werden
kann und solchermaßen die Leichen viele Tage unbeerdigt stehen müssen.“ Die Bewohner aus
Samern und Haddorf vom rechten Ufer der Vechte, plädierten für einen diesseits des Flusses
anzulegenden Kirchhof. Schließlich wurde der „neue“ Friedhof auf der rechten Seite der Vechte,
auf dem Möllenkamp, eingerichtet.
Schon seit der Gründung des Kirchspiels Ohne, vor über 900 Jahren, gehört die Bauerschaft
Haddorf zu diesem geschichtsträchtigen Verbund, der schon früh zum reformierten Bekenntnis
übergetreten war. Viele Haddorfer Familien bekennen sich noch heute zum evangelischreformierten
Glauben und fühlen sich dem Kirchspiel Ohne verbunden. Auch die Namen auf vielen
Grabsteinen weisen darauf hin.
Das Leben geht weiter, sage ich mir, steige auf mein Rad und überquere die heutige K51. Hinter
der kleinen Flutbrücke führt mein Weg nach rechts, über den alten Postweg, zum am Vechteufer
gelegenen Rastplatz. Dort laden mich aus altem Eichenholz gefertigte Bänke sowie ein aus
Sandsteinblöcken gefertigter Tisch, inmitten bunter Feldblumen und üppigem Gras, zum Verweilen
ein. Hier ist es still, so still, dass man das Knirschen der Reisigzweige auf dem abgewetzten
Kopfsteinpflaster im Ortskern, jenseits der Vechte, hören kann. In Ohne herrscht Ordnung, muss
man wissen. Die Bürgersteige wollen gereinigt werden, denn schließlich ist heute Samstag.
Ansonsten ist das idyllisch anmutende Dorf noch nicht so wirklich zum Leben erwacht. Die
Gaststätten öffnen erst mit dem Eintreffen der zahlreichen Fahrradtouristen, die sich schon auf
einen guten Pott Kaffee, begleitet von einem ordentlichen Stück Apfelkuchen freuen.
Ein wenig vermisse ich das Knarren der Ackerwagen, das Muhen der Kühe und das Wiehern der
Pferde, das bäuerliche Element. Die prächtigen Bauernhöfe liegen außerhalb des Dorfes um die
uralten Esche und Kämpe. Sie sprechen eine eigene Sprache und einige sind älter als das Dorf
selbst.
Ich sitze immer noch auf der hölzernen Bank am rechten Ufer der Vechte. An keinem anderen Ort
gibt eines der ältesten Dörfer der Grafschaft Bentheim so viel von seinem Jahrhundertealten,
ereignisreichen Leben preis. Neben mir sitzen drei Buben auf dem hölzernen Geländer der
Vechtebrücke, die seit 1771 die Postkutsche, welche sich vorher über eine seichte Furt durch das
Vechtebett quälen musste, sicher über den Fluss brachte. Die noch im Wasser befindlichen
Betonpfeiler weisen darauf hin, dass die Überführung früher um einiges breiter gewesen ist. Die
sogenannte Naardensche Post wurde 1664 gegründet und führte über Deventer, Delden,
Bentheim, Steider Heck und Rheine bis nach Osnabrück. Als beim Bau der heutigen K51, Mitte
der 1960er Jahre, eine neue größere Vechtebrücke errichtet wurde, degradierte man die
historische Postbrücke zu einer Rad-und Fußgängerüberquerung.
Auf der linken Seite, jenseits der „neuen“ Vechtebrücke, erblicke ich die von saftigen Wiesen und
Weiden begrenzten, prächtigen Gebäude des uralten Wissinghofes. Der „Schultenhof in Ohne“
wurde nach dem Tod des letzten Schulten zuerst verpachtet und gelangte 1927 schließlich in die
Hand von Jan Jordaan (Juwelier in Paris), der bereits 1935 verstarb. Seine Frau Bertha geb. van
Heek verpachtete daraufhin die Ländereien. Kurz vor ihrem Tod im März 1960 ging der Hof, wie
alle ihre Güter in die „Bertha Jordaan van Heek - Stiftung“ über. Die Gebäude des Hofes stehen
heute unter Denkmalschutz.
Schließlich fällt mein Blick auf die aus grauem Sandstein erbaute evangelische Ohner Kirche. Das
kleine, gedrungene, sakrale Bauwerk, das seit 1000 Jahren auf einer Erhebung am anderen
Vechteufer seinen festen Standort hat, erweckt den Eindruck, als ducke es sich zwischen all den
umliegenden, stolzen und feinen Bauernhäusern. Dabei wirkt das älteste Gotteshaus der
Grafschaft trotzdem so erhaben, dass es die Vorbeifahrenden zum Innehalten und zur Demut
einlädt.
Der Kirchturm, mit seinen 28 Metern Höhe, ist Ende des 13. Jahrhunderts anzusiedeln. Das im
romanischen Stil erbaute Langhaus mit seinen drei Jochen wurde zwischen 1220 bis 1225
errichtet. Ein Großbrand am Himmelfahrtstag im Jahre 1754 legte Teile des Dorfes und der Kirche
in Schutt und Asche. Schon im selben Jahr wurde der Kirchturm „RENOVEERT“, so steht es an
ihm zu lesen. Am 1. Mai 1755, ein knappes Jahr nach dem grauenvollen Ereignis, entstand ein
völlig neues Dorf. Die Kirche jedoch wurde erst im Jahre 1763 vollständig fertiggestellt.
Zweimal pro Woche, pünktlich um 19 Uhr, wird in Ohne kräftig gesungen. Bis zu 22
sangesfreudige Einwohner stimmen auf dem historischen Marktplatz die Lieder „Der Mond ist
aufgegangen“ und „Freude schöner Götterfunken“ an, sehr zur Freude aller Ohner Bürger. „Wir
singen gemeinsam gegen Corona, denn gemeinsam sind wir Ohner stark. Als am 8. Februar 1946
die Fluten der Vechte nicht mehr zu bremsen waren, die kleine Flutbrücke sowie der
Straßendamm am Kuhkamp (heutige Zufahrt zur alten Postbrücke) weggespült wurden und der
Ort völlig abgeschnitten war, haben unsere Väter und Großväter dem Hochwasser Paroli geboten.
So konnte bis zum Herbst 1946 der schwere Schaden wieder behoben werden“, flüsterte mir ein
fleißiger Sänger voller Stolz ins Ohr. So sind sie, die Ohner.
 
Artikel von MV vom 30.06.2020
 

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